Die SightCity ist Deutschlands größte Messe für Blindenhilfsmittel. Sie findet jährlich statt, in einem Hotel auf dem Flughafen Frankfurt Rhein-Main. TechnoTrend war schon die letzten Jahre auf der Messe, um für blinde und sehbehinderte Menschen Trends und Beobachtungen einzufangen. Dieses Jahr wollen wir ein Mal einen Bericht für Menschen ohne jede Sehbehinderung machen – für euch, die ihr wahrscheinlich keine rechte Vorstellung davon habt, wie blinde Menschen moderne Technologien nutzen..
Aber wir sind keine Ja-Sager und Beifallklatscher.
Wir fragen nach!
Und wie so oft findet sich auch hier hinter einer hübschen Fassade eine erschreckende Entdeckung, die sehr zu denken gibt.
Wer glaubt eine wunderreiche Reportage über erstaunliche und faszinierende neue Märchen unserer neuen Welt zu lesen, muss sich belehren lassen.
Begleitet uns in eine Welt, die beherrscht ist von Dinosauriern, die nur langsam auf Bedürfnisse behinderter Menschen eingehen, nur schwerfällig reagieren auf neue Trends und neue Technologien, und in der es trotzdem zwischen all dem Stagnieren und Stillstand immer wieder vielversprechende und aufregende Lichtblitze zu sehen gibt.
Das SightCity-Spezial
„Mit den Augen der Blinden“bei CHRONOWORKS TechnoTrend –
wir gehen an den Start.
Es war kurz nach vier. – morgens! – Während ich meine Sachen packte und mich Reisefertig machte fragte ich mich, ob es das wert war, seit einer Ewigkeit war ich nicht mehr für etwas so früh aufgestanden. Dieser Gedanke verstärkte sich noch, denn wenig später schlich meine u-Bahn mit mir als einzigem Passagier durch eine scheinbar menschenleere Stadt. Ich könnte doch auch wieder umdrehen, nach hause fahren und mich ins Bett legen.
Aber je mehr ich mich der Stadtmitte näherte, desto mehr füllten sich die Züge und als ich schließlich am Berliner Hauptbahnhof ankam, war der fast so gut mit Pendlern oder Frühaufstehern überlaufen wie an jedem Freitag Nachmittag. Ich kaufte mir also mein Ticket, und als der ICE sich wenig später vom Bahnsteig löste und seine 500 KM lange Reise begann, brachte ich meine To-Do-Liste auf den Schirm, die Notizen, in denen ich mir aufgeschrieben hatte welche Firmen und Aussteller ich in Frankfurt besuchen wollte.
Diese Liste hatte ich mir am Tag zuvor zusammengestellt, indem ich das Ausstellerverzeichnis auf www.sightcity.net
durchgeblättert hatte. Einige der Einträge klangen interessant, einige erst, wenn man sich ansah in welcher Kategorie sie gelistet waren. Aber die meisten würden mit den blumigen und vielversprechenden Worten aus ihren Selbstvorstellungen in Wirklichkeit kaum mithalten können, das war jetzt schon mehr als eine dumpfe Ahnung.
Ich beschloss etwas zu schlafen, doch die Bahn machte mir einen Strich durch die Rechnung. „Frischer Kaffee, Sandwichs und Brötchen…“ Während ich mich wunderte, warum heute früh kein älterer und etwas seltsamer Mann, sondern ein unerträglich ausgeschlafenes, und ganz eindeutig appetitanregendes Mädchen den Wagen durch den Zug schob, hob ich wie reflexhaft meine Hand, wie ein gut funktionierender Automat, und winkte sie her. Ich grinste innerlich, Kaffee! – die erfolgreichste Droge der Neuzeit, wenigstens für mich.
„Old captains and brand new cruise ships . . .
Sailing over the briny sea . . .“
Als ich vier Stunden später aus dem Zug stieg wunderte ich mich als erstes über das Wetter. Frankfurt lag immerhin gut 500 Kilometer weiter südlich. Wäre ein wenig mehr Sonne denn wirklich zu viel verlangt gewesen? Wahrscheinlich ja, ich zuckte die Schultern. Egal, wir würden das Tageslicht sowieso nicht mehr zu sehen bekommen. Die Mitarbeiterin von CHRONOWORKS war schon da, wir fanden uns ohne Mühe. Bis jetzt hatte alles so reibungslos geklappt, keine Verspätungen weder bei ihr noch bei mir, dass ich mich ironisch fragte, wann die unvermeidlichen Komplikationen begannen.
Das hätte ich lassen sollen. Denn kurz darauf führte das Überangebot von verfügbaren Verkehrswegen uns tatsächlich in die Irre und wir machten eine kleine lustige Rundreise durch Frankfurt, ich erinnerte mich hier schon ein mal entlanggefahren zu sein, als ich vor Jahren mal in der Gegend war und mich damals auch ziemlich verfahren hatte. Ich grinste.
Aber schließlich fanden wir unseren Weg und etwa gegen halb 12 waren wir da.
Frankfurt Rhein-Main, größter Flughafen Deutschlands und bedeutende Drehscheibe im europäischen Luftverkehr, „Startbahn der Träume“, Gegenstand zahlloser Schlager und Filme.
Zuletzt hatte ich dann doch noch etwas geschlafen und hatte das Gefühl ziemlich neben mir zu stehen, was auch die nächsten Stunden nicht besser wurde.
Wir verloren uns augenblicklich im sinnverwirrenden Wirrwarr von Terminals und Zugängen zu Bahnsteigen, Parkplätzen und was auch immer, wie es wohl nicht anders sein kann, wenn man versucht einen Flughafen, einen, nein zwei Bahnhöfe und jede Menge Parkhäuser in eine Anlage zu bauen. Und ein Hotel, das
Flughafenhotel
nämlich, mit Hauseigenem Business-Center, in dem jedes Jahr die nach eigenen Angaben „größte deutsche Hilfsmittelmesse“, also Hilfsmittel für blinde oder sehbehinderte Menschen, stattfand.
Während wir die feudale Empfangshalle durchschritten, die Treppen zu den Tagungsräumen hinabstiegen und uns von Messe-Guides Taschen und Anhänger mit dem Messe-Logo angeboten wurden fragte ich mich, wo in aller Welt die Veranstalter das Geld hernahmen um eine Location wie diese für drei Tage zu buchen. Lies sich mit dieser Nischentechnologie tatsächlich so viel Geld verdienen? Ich konnte es mir nicht vorstellen.
Oratio – Blackberry für Blinde
Unser erster Stopp bildete der Stand von HumanWare, einer englischen Firma, die neben allerlei Vergrößerungssoftware, Notizgeräten und Schulungsangeboten für blinde Anwender einen Bildschirmleser für Blackberry-Smartphones entwickelt hatte. Neben den etablierten Smartphone-Systemen wie Symbian und WindowsMobile, die schon geraume Zeit für blinde Anwender offenstanden, und der kürzlich hinzugekommene Support für Apples iPhone war die vor allem für geschäftliche Anwender interessante Blackberry-Welt bislang noch völlig unerschlossenes Gebiet. Und wie HumanWare die Sache anging, so schien mir, sollte sie das auch noch eine Weile bleiben. Vor 18 Monaten oder so hatte die Firma oder irgend ein Anderer Gerüchte über eine kommende Lösung für Blackberrys in die Welt gestreut, die seitdem durch das Netz geisterten. Vor einer Weile dann hatte HumanWare erste Pressemitteilungen herausgegeben, eine eigene Website für das neue Produkt eingerichtet, und einen Newsletter, über den sie allerdings bislang nicht viel mehr als den ewig gleichen Satz verbreiten lies, den wir schon in der aller ersten Notiz zum Thema gelesen hatten.
„Oratio for BlackBerry ® smartphones is a unique and innovative screen reader software that allows visually impaired users to access and
operate BlackBerry smartphones using state of the art Text-To-Speech technology to convert the visual information displayed on the
BlackBerry Smartphone screen into a intuitive speech output.“
Soweit so gut, nur den Beweis eines funktionierenden Produkts war das Unternehmen bislang schuldig geblieben, obwohl es inzwischen schon Vorbestellungen für die Software anbot, die mit 475 Euro nicht eben zu den preisgünstigsten Lösungen zählen würde. Anders als andere Mitbewerber offerierte HumanWare bislang allerdings keinerlei Test- oder Demophase, was noch misstrauischer machte und mir persönlich höchst suspekt erschien. Heute wollte ich endlich ein Mal ausprobieren und erleben, was Oratio konnte und was nicht. Es sollte anders kommen. Maria Hardcastle von HumanWare begrüßte uns aufgeräumt, perfekt gestylt und mit einem Akzent so britisch, als ob sie in direkter Linie von Captain Cook abstammen könnte, erklärte auf meine drängende Frage mit entschuldigender Geste, leider könne sie mir kein Gerät für ein kurzes Hands-On geben, weil… es gäbe schlicht noch Keines, das in europäischen Netzen funktioniere. Alles, was man bislang habe, sei für nord-amerikanische Serviceprovider abgestimmt und würde erst in Kürze für den europäischen Anwender angepasst sein. Sollte eine Software nur nicht laufen, weil eine europäische SIM-Karte eingelegt war? Oder hatte man wieder ein mal ein Problem mit verschiedenen Firmware, die eine App auf Geräten anderer Verbreitungsregionen am Funktionieren hinderte? Wollte man uns am Ende nur hinhalten, weil das Produkt noch weit davon entfernt war als „so gut wie fertig“ zu gelten? Ich wusste es nicht. Aber diese ganze Eröffnung begann schon jetzt einen bitteren Beigeschmack zu hinterlassen, zumal bei allem noch immer nur von einem unterstützten Blackberry-Handset die Rede war, dem Curve, nicht dem Neustem und sicher nicht dem Featurefreudigsten. Nun gibt es ja nicht eben wenig Auswahl an den Geräten, die vom kanadischen RIM angeboten werden, zumal ständig neue Modelle hinzukommen. Ob es denn Pläne zur Unterstützung weiterer Handsets gäbe, möglichst auch mit einer zeitnahen Umsätzung? Man konnte mir keine Auskunft geben.
Ich verstand inzwischen nur zu gut, warum die Jungs von Blind Cool Tech die Firma bisweilen auch mit „HumanScare“ betitelt hatten.
Resigniert wandte ich mich zum Gehen. Mir schoss durch den Kopf, dass mir solche oder ähnliche Gespräche vielleicht noch häufiger bevorstehen könnten an diesem Tag.
Auf meinem iPhone klickte ich mich durch meine Musiksammlung und wählte eine Playlist mit Songs, bei denen sich herausgestellt hatte, dass der Klang der Melodie und die Worte der Geschichte es immer wieder fertigbrachten mich zu beruhigen.
“Hello Seattl
I am a mountaineer
In the hills and highlands
I fall asleep in hospital parking lots
And awake in your mouth…„
Sprechende Bücher
Am Stand E1 hatte sich u. A. die Vertretung der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, DZB, einquartiert. Ich hatte vor Kurzem in einer Ticker-Meldung gelesen, dass diese Blindenhörbücherei eine Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels Libreca anstrebe, zur schnelleren Digitalisierung von Buchtiteln, um sie in das von Blinden gern genutzte Daisy-Format zu verwandeln, einer Methode zur strukturierten Nutzung von Hörtexten, in denen man dann bequem Seiten- Absatz oder Kapitelweise blättern konnte. Ein gewisser Herr Klemm war unser erster Ansprechpartner. In trägem, sächselndem Tonfall und sichtlich überfordert erklärte er, er sei damit nicht befasst. Ob wir denn kurz… da müsste ich schon jemanden aus der entsprechenden Projektgruppe… „Hello Seattle… Hello Seattle, I am a manteray
Deep beneathe the blue waves
Ill crawl the sandy bottom of Puget Sound
And construct a summer home… “
Schließlich fand sich doch noch Jemand, der mit der bewussten Kooperation vertraut war. Eine Standmitarbeiterin, schick gekleidet mit großen blauen Augen und großen blauen Ohrringen, machte mich mit den Schwierigkeiten vertraut, den die Hörbüchereien mit der Modernisierung ihres Bestandes hatten. Nach ihren Worten grenzte es schon an ein Wunder, dass inzwischen nun mehr alle deutschen Hörbüchereien ihren kompletten Bestand auf den zumindest schon mal elektronischen Daisy-Standard umgestellt hatten. Nach wie vor aber waren Sprecher nötig, um die Texte aus den Print-Originalen in gesprochenen Text zu verwandeln. Nach unserer Auffassung wäre dem Blindenbuchmarkt mit eBooks weitaus besser gedient, dadurch würde das Kosten- und Zeitintensive Aufsprechen entfallen und die Titel könnten quasi sofort zur Verfügung stehen. Das sei natürlich zu aller erst ein Lizenzrechtliches Problem, meinte die DZB-Frau, ein Problem, dass ich durchaus verstand. Die Verhandlungen mit den Verlagen stellte sie als schwierig und zeitraubend da, geprägt von fehlendem Verständnis und fehlender Bereitwilligkeit seitens der Verlagshäuser, zugegeben, ich konnte mir das Nervenraubende dieser Arbeit vorstellen. Dennoch, ob es denn Ansätze hin zu einer wirklich zeitgemäßen Form der Literaturbeschaffung gäbe, ich erwähnte das iPad, das mit seiner auch für Blinde zugänglichen iBooks-Anwendung kommen würde, und dass diese auch im Zuge des nächsten großen Updates auf alle iPhones kommen würde. Und überhaupt hatte heute so gut wie jeder Blinde einen PC oder sollte zumindest einen haben… „Ja,“ meinte sie, man habe diese Entwicklungen im Auge, nur leider sei die Zielgruppe hauptsächlich über 40, im Wesentlichen sogar über 60 und da ließen sich solche Technologien nur schwer vermitteln. Ich war überzeugt, dass sie recht hatte.
In meinem Kopf sprang ein kleiner Teufel aus einer dunklen Ecke, der meine Suche nach Möglichkeiten moderne Medien für blinde Menschen so zugänglich wie möglich zu gestalten höhnisch verspottete. „Pech alter Junge, da kann man nichts machen!“
„Hello Seattle, I am the cresant moon
Shining down on your face
I will disguise myself as a sleeping pill
And descend inside of you…„
Mobilfunk auf der SightCity
Ich fand, dass es an der Zeit war sich dem Mobilfunk auf der Messe zuzuwenden. Wir nahmen Kurs auf den Stand von HandyTech Elektronik, einem der zahllosen Reseller von mobilen Lösungen wie der Software Talks, einem Bildschirmleser für Smartphones mit Symbian S60, die von der Firma Nuance Inc. verlegt wurde, die sonst eher mit OCR-Software und Produkten aus der Automotive-Sparte ihre Einnahmen generierte. Talks war seit je her nur ein Zuschussgeschäft, und wenn man hartnäckig gestreuten Gerüchten glauben wollte, suchte Nuance schon lange nach einer Möglichkeit sich dem Mini-Geschäftsbereich zu entledigen. Mit dem tragischen Tod des Chefentwicklers, der die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen war, schien das Unternehmen eine solche Gelegenheit gefunden zu haben. Unser primäres Interesse war es daher, neben anderen Fragen vor allem Antwort auf diese drängendste Frage zu finden.
Um nicht gleich mit dem wohl schwierigsten Thema zu beginnen, wollte ich zunächst über das kürzlich releaste Talks 5 reden, das einige erhebliche Neuerungen gebracht hatte. U.A. den Support für die Nokia-Touchscreen-Handsets der 5th-Edition von S60. Ich fragte nach Talks 5.0, den bisherigen Erfahrungen und… „Ja, hm… darüber weiß ich jetzt … da sprechen Sie mal mit…“
„Hello Seattle, I am a cold seahorse
Feeling warm in your sand
I sing about the tide and the ocean surf
Rolling in the evening breeze…“
„Für welches Magazin schreiben Sie? Nein also, das ist jetzt nicht mein Spezialgebiet…“ Ich warte mühsam die Fassung. Während wir in der Vermittlungsschlange von Gesicht zu Gesicht durchgereicht wurden fragte ich mich zum wiederholten Male an diesem Tag, wie sich die Mitarbeiter solcher Firmen ihre Zielgruppe vorstellten. Blind = blöd, mit stupidem Blick vor ihren PCs sitzend, unbegabt, unwissend und vor allem uninteressiert und also völlig anspruchslos? So ähnlich, schien mir, dachten die Meisten hier über ihre Kunden, denen sie seit Jahrzehnten Fantasiesummen für Produkte abverlangten, die oft erst nach Jahren auf dem Markt annähernd das leisteten, was irgendwann ein Mal versprochen worden war. Kritiker eines nicht gänzlich unbekannten amerikanischen Softwaregiganten, bekannt für seine Betriebssystem- und Officeprodukte, mit denen er zu bedeutender Marktmacht gelangt war, hatten ein Wort für so etwas. „Bananenprodukte,“ so genannt weil sie beim Kunden heranreifen sollten. „
„Hello Seattle, I am an albatross
on the docks and your boats
I sail above your inlets and interstates
Through the rain and open wind…”
Nun war mir die Kompetenzfrage, das ewig gleiche „Wer ist zuständig?“ von Messen wie der CeBit oder IFA nicht sehr fremd. Allerdings konnte man einem Weltkonzern wie Sony oder Toshiba durchaus zugutehalten über dutzende Geschäftsfelder und oder Sub-Unternehmen zu verfügen, sodass auch die Belegschaft eines Messestandes inkl. Messehostessen und PR-Leuten gerne auch mal zweistellig sein konnte. Da war ein wenig Geduld beim Finden des richtigen Ansprechpartners sicher nicht zu viel verlangt. Aber diese Unternehmen hier spielten in einer ganz anderen Liga, hatten teils nicht mal 10 Mitarbeiter, bestenfalls aber 80 oder 90 und schließlich hatte ich nicht nach dem Einkommen des Geschäftsführers oder einer ähnlich brisanten Sache gefragt, sondern eine derart grundlegende Eröffnungsfrage formuliert, die eigentlich jeder nicht völlig unbegabte Kollege, den man zu Repräsentationsaufgaben auf eine Messe schickte im Schlaf hätte beantworten können müssen.
Ein tiefer Seufzer entrang sich meiner Brust, ruhig…
Und endlich, als ich schon entnervt das Handtuch werfen wollte…
Yvonne Bühr, eine attraktive End-Dreißigerin, die den bislang kompetentesten Eindruck auf mich machte´, hatte schon erste eigene Erfahrungen mit der neuen Talks-Version gemacht.
Yvonne gab mir das X6, Nokias kürzlich vorgestelltes Musikhandy, mit einem kapazitiven Touchscreen und einer 5-MP-Kamera in die Hand, und demonstrierte die wichtigsten Neuerungen. Ihrer Aussage nach ließ sich mit dem X6 gut arbeiten, lediglich das Schreiben längerer Texte sei eine Geduldssache, wie das bei Touchscreen-Telefonen allerdings immer so ist. Leider hatte sie keine Erfahrungswerte vom N97, das zwar mit einer etwas älteren Technik, resistiver Touchscreen, dafür aber mit einer Volltastatur und 32 GB internem Speicher + MicroSDHC-Steckplatz kam. Ich nahm mir vor meinen nächsten Gesprächspartner in Sachen mobile Accessibility danach zu fragen und verabschiedete mich, erstmals ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Zu Thorsten Brand, dem verstorbenen Entwickler von Talks, und dessen Zukunft konnte mir Yvonne nichts sagen, das hatte ich jedoch auch nicht angenommen. Brand und Nuance waren schon immer eigenwillige Gesellen mit einer höchst eigenwilligen Vertriebsstrategie gewesen, die vor allem durch eine wenig großzügige Informationspolitik geglänzt hatte.
Der Stand von CodeFactory und seinem deutschen Vertriebspartner war nicht so überlaufen, wie ich ihn im letzten Jahr erlebt hatte. CodeFactory war vor über 10 Jahren nah dem spanischen Barcelona gegründet worden und bot Screenreader für Handys mit WindowsMobile und Symbian S60-Smartphones an. Preislich immer etwas günstiger als die Angebote von Nuance und immer etwas schneller beim Unterstützen neuer Geräte, konnten die Produkte nicht immer völlig überzeugen. Ihnen fehlte es oft an Stabilität, Schnelligkeit und Performance, was sich vor allem auf der WindowsMobile-Plattform auswirkte. Diese Probleme, die zweifellos auch auf die Natur des Betriebssystems zurückzuführen waren, bewirkten eine etwas kompliziertere Handhabung und Benutzerführung. Dafür war CodeFactory wesentlich offener und reagierte meines Erartens schneller auf Trends und Wünsche aus der Nutzergemeinde. Ich selbst hatte mit CF-Supportleuten immer gute Erfahrungen gemacht. Auch mit Stephan Merk, Chef der gleichnamigen Firma, sprach ich über S60 5th-Edition. Er meinte, das neue Touch-Interface von MobileSpeak 4, der komplett überarbeiteten Screenreader-Software von CF, leistete ein Quartal nach dem Release bereits ganz gute Dienste und würde alle alltäglichen Aufgaben von Mail über Kalender und Webbrowsing erfüllen. Ich würde in Kürze die Gelegenheit haben das ein Mal selbst zu testen.
Ich fragte nach „Ovi Maps“, Nokias neuer Navigationslösung, die für aktuelle Handys kostenlos angeboten wurde und damit ein langes Siechtum für die traditionellen Marktführer im Navigationsbereich einläuten könnte. „Ovi Maps“ unterstützte erstmals auch eine sprachgeführte Fußgängernavigation und könnte somit prädestiniert für blinde Benutzer sein, die dann nicht mehr auf kostspielige Eigenentwicklungen angewiesen sein würden. Bislang war Ovi Maps allerdings noch nicht mit Bildschirmlesern wie Talks oder MobileSpeak bedienbar, die Benutzeroberfläche war nicht vollständig auslesbar. Hier werde es in Bälde eine Lösung geben, erklärte Merk. Ich nickte zufrieden, das waren Nachrichten wie ich sie hören wollte.
Wie es denn mit Symbian^3 aussehe, der neuen Version des in eine Stiftung überführten mobilen Betriebssystems, fragte ich. Man arbeite an etwas, meinte Merk, und würde gewiss bei Zeiten eine Lösung vorstellen. Da waren sie wieder, die menetekelhaften Aussagen, mit denen man Redakteure füttert. Ich lächelte trotzdem, an seiner Stelle hätte ich vermutlich dasselbe gesagt.
Beim Hinausgehen entdeckten wir den Stand von Accapella GroupAccapella Group, einem Anbieter von Speech-engines, die in vielen Desktop- und Mobillösungen zum Einsatz kamen und in über 20 Sprachen verfügbar waren, und deren Repräsentanz hier neben dem Stand von MobileSpeak, einem seiner größeren Kunden, ein weitgehend unbeachtetes Nischendasein fristete.
Ein Typ mit schwarzem Haar und schwarzer Brille stand davor und war sichtlich erfreut etwas zu seinen Produkten sagen zu können. Und was er sagte klang wirklich interessant. Accapella würde in Kürze einen Service launchen, den sie Kiosk nannten, und mit dem Inhalteanbieter wie Zeitungen, Zeitschriften und blogger ihre Inhalte schnell und einfach in gesprochenen Text konvertieren konnten, gesprochen von den sehr natürlich klingenden Accapella Voices, die es in allen erdenklichen Sprachen und Stimmfärbungen gab und die auf dem Desktop, abseits der beschränkten Rechenpower von Smartphones und mobiler Computerihre Stärken voll ausspielen konnten. Ich stellte mir Tageszeitungen und Zeitschriften vor, die mit den Accapella Voices zu einem echten Lesevergnügen werden konnten, womöglich würde es dem einen oder anderen Angebote für spezielle Voice-Abos geben? Ein Blick auf den News-Bereich der Accapella-Website offenbarte über dies eine wahrhaft aufregende Ankündigung.
Accapella wollte ihre Speech-Engiens auf das iPad bringen. Das aktuelle SDK unterstützte bereits aktuelle iPhones und iPod Touchs und würde in der kommenden Version auch das iPhone OS 3.2 unterstützen, dessen entscheidende Neuerung war, dass es die Version war, die auf dem iPad zum Einsatz kommen würde. Mit diesem SDK würden App-Entwickler ihre Inhalte mit den Accapella-Voices auslesen lassen können und zwar, wenn man der Mitteilung glauben konnte, schnell und einfach. Ich würde meine Augen nach Apps mit Accapella-Support offen halten.
„Hello Seattle, I am an old lighthouse
Throwing beams of bright lights
Red in the morning, blue in the evening sun
Taken heed from everyone…“
Als nächstes gingen wir am Stand von ASBUS vorbei, einer Projektgruppe der Uni Stuttgart, die unter dem Arbeitstitel Blind Navigation, ein Navigations- und Orientierungssystem für Blinde entwickelte.
Eine kleine, quirlige und engagierte Mitarbeiterin zeigte uns verschiedene Prototypen der Hardware. Sie sahen stark nach Eigenbau aus, eine abenteuerliche Mischung aus UltraMobile-PC und Embedded-Computer, die den Enthusiasmus des Entwicklers erahnen ließ. Die Bedienung sollte über ein Touch-Display verfügen, eine echte Demonstration konnten wir leider nicht betrachten, die verschiedenen Devices schienen dafür noch nicht weit genug gediehen zu sein, aber ich hatte ein positives Gefühl bei der Entwicklung. Hier entstand etwas, das für blinde Anwender tatsächlich hilfreich sein konnte. Das System sollte auf stationäre RFID-Tags, örtliche WLAN-Spots und im Außeneinsatz auch auf GPS und Kartenmaterial zugreifen, seine eigentliche Kernaufgabe war aber wohl die Orientierung in Innenräumen. Ein schwieriges Unterfangen, an Systeme dieser Art wurden noch ungleich höhere Anforderungen gestellt als an klassische Navigationssysteme. Sie mussten noch weitaus präziser sein, im Zentimeterbereich möglichst, und mit wesentlich konkreteren Angaben aufwarten können, um eine nicht sehende Person sicher durch ein Gebäude zu führen. Diese Anwendung verlangte ein vorheriges Präparieren der Örtlichkeit mit den RFID-Sendern, deren Kennungen mit den jeweiligen Standort- und Umgebungsdaten assoziiert werden mussten. Diese Vorab-Arbeiten würden nicht zu einfach sein, eine gewisse Zeit und eine gewisse Investition erfordern, und daher sicher immer Einzelfälle bleiben, bezahlt von Integrationsämtern oder Studentenwerken, im Falle eines universitären Einsatzes. Dennoch, das Konzept wirkte interessant und vielversprechend und ich beschloss seine Entwicklung in nächster Zeit nicht aus den Augen zu verlieren.
Die zweite Dimension
Im letzten Jahr hatte eine zweiköpfige Entwicklergruppe hier in Frankfurt ein ziemlich revolutionäres Gerät vorgestellt, das wie ein Bildschirm aussah, der flach auf dem Tisch lag, und keine sichtbaren, dafür aber fühlbare Pixel““ aufwies. Damit ließen sich erstmals grafische Benutzeroberflächen und auch echte Grafiken annähernd so darstellen, wie sie sich sehenden Anwendern auch präsentierten, inkludiert war eine Touch-Komponente, die ein Eingabefeedback ermöglichte. Der gezeigte Prototyp war in einem frühen Stadium der Entwicklung, jedoch angesichts der wahren Herkulesaufgabe der technisch-mechanischen Entwicklung und der Programmierung eines völlig neuen Screenreaders, der der veränderten Anzeigefläche Rechnung trug, schon beachtlich weit fortgeschritten war. Dennoch hoffte ich dieses Jahr die Fortschritte,
die es hoffentlich gegeben hatte, einsehen zu können. Das System, das HyperBraille, genannt wurde, war seiner Zeit am Stand der „Blindenstudienanstalt“ BlistaBlista und des eng verbundenen DVBS Marburg, eines Blinden- und Sehbehindertenverbands zu sehen gewesen, das sollte dieses Jahr auch so sein, und das war auch der Grund, warum ich kein Hyperbraille und auch keinen seiner Entwickler zu sehen bekommen sollte.
Wir wurden abermals weitergeschickt, zurückverwiesen, wieder weitergereicht, „
Take me above your light…
Carry me through the night…”
und warteten, warteten.
Schließlich gab ich entnervt auf und beschloss über das Netz zu versuchen einen Entwickler zu fassen zu kriegen.
Abgehängt
Während wir ein wenig abseits standen, durch unsere Notizen blätterten und überlegten, wohin wir als nächstes gehen wollten, begann einige Meter weiter ein blinder Messebesucher in brünstig und leidenschaftlich über eine Californische Computerfirma zu fluchen, „über all diese verdammten iPhones, diese Drecks Touchscreens überall, alles, Touchscreens überall, wie soll man denn da als Blinder noch…iPhones, Mist, verdammter.“
Keine zwei Schritte entfernt stand ich, ein eben Solches in der Hand, und fühlte mich nur leer!
Wie konnte ich hier stehen und den Firmen mangelnde Flexibilität und Innovationsbereitschaft vorwerfen, wenn ihre Zielgruppe ganz offensichtlich ebenso wenig davon aufbrachte wie sie.
Ich brauchte nicht zu sehen, konnte mir den Mann, der diese Verwünschungen ausgesprochen hatte auch so gut genug vorstellen. Er gehörte zu der Gruppe, die sich immer und ständig gegen alles Neue, gegen jede Veränderung sperrten.
Aus allen Ecken torkelten sie wie Zombies heran, den Schädel voller Fragezeichen und Verzagtheit, voller „wenns“ und „Vielleichts“, mit nichts außer der verbissenen Entschlossenheit die Welt am Weiterdrehen zu hindern im ansonsten leeren Blick und gaben meinen Zweifeln am Sinn unseres Hierseins Zusehens mehr Nahrung.
„Hold me secure in flight
Sing me to sleep tonight…“
Technik für den Alltag
„Ich brauch jetzt ein Erfolgserlebnis,“ dachte ich.
Christian Bott war groß, hatte dichte schwarze Haare und ein offenes Lächeln. Er war Chef und erster Entwickler von Elumo, einem kleinen, reaktiven Startup, das mobile Dienste für blinde Anwender entwickelte, die vorwiegend auf Smartphones mit Symbian S60 liefen, der unter Blinden verbreitetesten mobilen Plattform.
Ihre erste Anwendung war eine mobile OCR, mit der abfotografierte Texte in für Blinde lesbare Texte konvertiert wurden, und zwar sinnvollerweise nicht auf dem mobilen Gerät mit seiner begrenzten Performance, sondern in der Cloud, aus der es dann in Sekunden zurückkam und für den Anwender verfügbar war.
Ich hatte Christian vor einem Jahr kennengelernt. Schon damals gehörte er zu den Menschen, die begriffen hatten, dass die Zukunft längst begonnen hat. Sein Stand war an diesem Freitag äußerst gut besucht. Ich sah die Menge interessierter Besucher mit Wohlgefallen, Christian hatte mit gelungenen Produkten, gelungener PR und einem Gewinnspiel am Stand offensichtlich das Interesse auf seine Arbeit lenken können, das Diese verdiente. Dieses Jahr waren sie mit einer neuen App nach Frankfurt gekommen, ebenfalls für Symbian S60, einer Einkaufshilfe für Blinde, die mit separatem Barcodescanner kam, da das Fotografieren von Strichcodes auf Verpackungen mit der Handykamera sich als zu schwierig herausgestellt hatte. Auch der Umgang mit dem Revolverähnlichen Scanner schien Übungssache zu sein, ich konnte mir aber gut vorstellen schnell mit dieser Technik vertraut zu werden. Das Problem, das elektronische Einkaufshilfen für Blinde seit je her haben ist, dass die Datenbanken mit den Barcodes von den Supermärkten, Discountern und dem sonstigen Einzelhandel eifersüchtig bewahrt wurden, aus Angst man könne z.B. noch weitere Preisvergleicher entwickeln oder ähnliche in ihren Augen unerwünschte Anwendungsmöglichkeiten finden. Kommerzielle Shopping-Apps, z.B. für Android oder iPhones gab es schon zu Hauf, sie würden allerdings in der Hand eines Blinden nur bedingt effektiv sein. Christians App bot zudem den Vorteil mit selbst gekauften und beschrifteten Tags auch beim Organisieren des heimischen Haushalts zu helfen, eine in meinen Augen höchst sinnvolle Sache. Eine Portierung auf S60 5th-Edition, und ggf. auf andere Plattformen, so Christian, würde erwogen und bei Erreichen eines signifikanten Marktanteils in der Community erfolgen. Der Preis, zugegeben, liegt für beide Elumo-Produkte außerhalb dessen, was man sich mal eben im Vorbeigehen kauft, verständlich einerseits, irgendwie mussten sich die zahllosen Stunden der Entwicklung schließlich für die Entwickler auszahlen. Damit aber die Produkte, so gut sie auch waren, für die Meisten nicht unbezahlbar blieben, strebte Elumo eine Zusammenarbeit mit Krankenkassen an, die die Anschaffungskosten übernehmen könnten, indem die Produkte in den Katalog zahlungsunterstützter Hilfsmittel Eingang fanden, eine nahliegende Idee, ging es doch bei diesen Services um tatsächlich Alltagsvereinfachende Dienste. Ich wünschte uns und Elumo eine rasche Umsetzung dieser Bestrebungen.
Blinde am Mac
Ein Blick zur Uhr machte uns klar, dass wir uns beeilen mussten, um noch einige Punkte, die wir uns vorgenommen hatten abzuhaken.
Erneut verloren wir uns in der verwirrenden Weitläufigkeit des Konferenzzentrums.
Herr Bickelmann war ein älterer, untersetzter Herr mit randloser Brille und weißem Haar. Er war Chef und Eigentümer von Vertical Technology. Jahrzehntelang hatte er Hard ware für hoch-technische Anwendungen an Industrie- und Firmenkunden geliefert, hauptsächlich Spezialanfertigungen, für bestimmte Einsatzzwecke optimiert, und war schließlich dazu übergegangen Entkundenlösungen für blinde Apple-Anwender anzubieten. Er verkaufte komplette Arbeitsplätze, bestehend aus Rechner, spezieller Blindenschriftanzeige, der sogenannten Braillezeile, und der dazugehörenden Software, wobei zu letzterem zu sagen war, dass Apple prinzipiell als einzige Firma die meisten seiner Produkte ab Werk mit Bedienungshilfen für Behinderte auslieferte. Der Screenreader „VoiceOver“ war seit geraumer Zeit Teil des Mac-Betriebssystems, seit letztem Sommer völlig überraschend auch auf den neusten Inkanationen von iPhone und iPod Touch. Allerdings lieferte Apple zumindest bei seinen Mac-Rechnern nur eine englische Sprachunterstützung mit. Eine deutsche Sprachausgabe zu integrieren war zwar möglich aber nach Bickelmanns Aussage eine recht komplizierte Sache, bei der noch diverse Anpassungen und Einstellungen vorzunehmen waren. Streng genommen verkaufte er also mit seinem Mac-Arbeitsplatz keine Eigenentwicklungen, sondern die Kunden bezahlten für ein Gesamtpaket, das Installation, Betrieb, Support und diverse Softwareanpassungen beinhaltete. Fairerweise musste man dazu sagen, dass Apple es seinen Drittentwicklern und Vertriebspartnern nicht einfach macht. Ich erinnerte mich noch gut, wie Bickelmann geschimpft hatte, die für jedwede weitergehende Funktionserweiterung unzugängliche Entwicklungsumgebung und die völlig restriktive Politik bei Schnittstellen und APIs des Mac-OS mache es Entwicklern wie ihm das Leben immer schwerer. Bickelmann war überzeugt, die Appleeigenen Lösungen für Blinde waren längst nicht so gut wie das, was Entwickler wie er implementieren könnten wenn… ja wenn Apple etwas offener wäre. Ich war mir nicht völlig im Klaren was ich ein Jahr später erneut hier wollte, aber ich hatte den Stand von Vertikal Technology auf der Agenda und deshalb gingen wir hin. Tatsächlich hatte sich im letzten Jahr etwas getan. Der Firmengründer hatte ein neues Produkt entwickelt, das er uns kurz vorstellte. Dabei handelte es sich um ein raffiniertes Vergrößerungssystem für stark Sehbehinderte. Beliebige Objekte wie bedrucktes Papier, Zeichnungen, aber auch andere Werkstoffe wurden auf eine Art Objektträger gelegt und von einer hoch empfindlichen Kamera für industrielle Anwendung aufgenommen. Sie lieferte ein derart scharfes Bild, dass nicht nur jede Schrift oder Grafik dermaßen klar und weit herangeholt werden konnten, dass selbst der geringste Sehrest für eine Betrachtung ausreichen sollte, auch wurden Materialien, die man auf die Platte legte so genau aufgenommen, dass man für das bloße Auge unsichtbare Verarbeitungsspuren noch deutlich erkennen konnte. Diese zweifellos brillante Entwicklung hatte ihren Preis. Für die Kamera, die sonst nur Firmenkunden orderten, und die restlichen Komponenten sollten es 4000 Euro sein. Nun sind fantasievolle Preise im Hilfsmittelbereich nichts Ungewöhnliches. Hier fragte ich mich aber doch nach dem Sinn. Gewiss, einige wenige, wahrscheinlich ehemals Sehende Anwender würden ein Ding wie Dieses sehnsüchtig erwartet haben. So konnten vielleicht einige Menschen den Beruf, an dem ihr Herz hing noch einige Jahre weiter ausüben. Das war für diese Menschen ein Segen und nichts lag mir ferner, als es ihnen zu missgönnen. Aber ich war mir doch ziemlich sicher, dass Bickelmanns Hightech-Kamera ein Nieschenprodukt bleiben würde, mangels einer größeren Zahl an Endkunden. Der streitbare Firmenchef sah das anders. Er hatte ein Argument, dem ich nicht widersprechen konnte. Seine Lösung, verkündete er stolz, würde von den Krankenkassen übernommen. Nachdenklich verabschiedete ich mich. Natürlich, so würde sich der Absatz des Kamerasystems dramatisch vervielfachen lassen. Aber wie viele Menschen bekamen so eine hoffnungslos überdimensionierte Ausstattung geliefert, wo sie doch nur ihre Briefe und Bücher besser und bequemer hatten lesen wollen?
Keine Frage, dieses Geschäft hatte vordergründig nur Gewinner. Bickelmann verdiente kräftig und die Kunden bekamen eine hochwertige Technik. Und weiter?
Wie viele tausende Euro würde dieser Spaß die chronisch knappen öffentlichen Kassen kosten, die ohnehin ständig verzweifelt bemüht waren ihre Ausgaben weiter zusammenzustreichen?
Ich war mir sicher, dass ich es nicht wissen wollte.
Das Gespräch warf noch in einer weiteren Hinsicht Fragen auf. – Ich erinnerte mich noch daran, wie wir vor einem Jahr über das iPhone gesprochen hatten. Ich hatte versucht dem Apple-Entwickler weitergehende Informationen über die theoretische Perspektive der Zugänglichkeit des iPhone für Blinde abzutrotzen, was Dieser mit offenkundiger Skepsis und belehrendem Tonfall entgegentrat, mit der Aussage, eine vollständig blindengerechte Bedienung ließe sich nicht sinnvoll auf die iPhone-Plattform bringen. Heute darauf angesprochen dementierte er etwas dieser Art gesagt zu haben, tatsächlich hätte er schon damals über nähere Informationen über das kommende VoiceOver verfügt. Einerseits eine gewagte Behauptung, die SightCity findet im Mai statt, Anfang Mai genau gesagt, die neuen iPhones werden traditionell im Juni vorgestellt und es ist kein Geheimnis, wie Apple seine Neuvorstellungen vor vorzeitiger Öffentlichkeit schützt. So sehr, dass chinesische Apple-Entwickler sich das Leben nahmen, nach Verlust eines Prototyps, und der Amerikaner, der vor Kurzem einen Prototyp des neuen iPhone 4g, oder wie immer es letztlich heißen würde, in einer Bar verloren hatte, wohl zurecht um Job und Carriere bangte. Ich hatte noch den Satz eines Tech-Journalisten im Ohr, dessen Redaktion eben diesen Prototyp für 5000 $ gekauft hatte.
„He sounded tired and broken, but atleast he’s alive.“ Und angesichts dieser Vorzeichen sollte ein Entwickler eine kleinen deutschen Firma so spezifische Details über ein neues Produkt erhalten haben? Andererseits wollte ich es nicht prinzipiell ausschließen. Der Mann hatte sich im Verlaf unserer Gespräche zweifellos als absoluter Kenner herausgestellt, und er hatte sich nach einem Jahr Zielsicher an mein Gesicht und den Zweck meines Hierseins erinnert, nun… man konnte es nie wissen.
Das sprechende Radio
Mit unserem vorgeplanten Programm waren wir fertig und während wir noch etwas durch die Kongressräume schlenderten, entdeckten wir den Stand von Solutions Radio, einer skandinavischen Firma, die ein Internetradio für Blinde entwickelt hatte. Damit ließen sich jede Menge Webradios, Podcasts und einige wenige Hörbücher empfangen,
So ließ sich das Lieblingswebradio bequem und ohne Computer konsumieren, über LAN oder WLAN, im Retro-Radiowecker- oder Küchenradiolook hatten sich die Geräte in den letzten Jahren auch bei Sehenden steigender Beliebtheit erfreut.
Die Teile von Solutions Radio sprachen zu ihren Anwendern und ließen sich so blind bedienen. Krasser Patzer bei dem Ganzen war, dass nicht alle Features sprachgeführt waren – wieder mal – so war beispielsweise das Eingeben der WLAN-Schlüssel ohne sehende Hilfe nicht möglich.
Wieder wurde dieses fehlende Feature von mir abgemahnt und wieder wurde von der Unternehmenssprecherin darauf verwiesen, dass die Zielgruppe tendenziell über 50 sei und somit sicherlich kein Verlangen nach übertriebener Selbstständigkeit entwickeln sollte.
Wir hielten uns gar nicht länger damit auf und – schon halb auf dem Weg zum Ausgang – stießen wir zum Abschluss noch auf ein Highlight, das ich so noch nie gesehen hatte.
Sprechende Fernseher?
Inzwischen hat digitales Pay-TV über Kabel oder IP den Massenmarkt erreicht. Programmpakete, wie sie von Sky oder T-Home angeboten werden, lassen sich in der Regel nur mit speziellen Multimedia-Receivern empfangen, die ebenfalls in der Regel nicht blindengerecht sind. Bislang war mir nichts über eine Lösung dieser Problematik bekannt, das änderte sich jetzt.
Am Stand der Firma Skammel Solutions demonstrierte mir ein Typ mit Brille, Jeans und Baseball-Cap einen Kasten, der breit und wuchtig gut als Deck einer HiFi-Anlage durchgehen könnte. Es handelte sich, wie ich erfuhr, um einen Festplattenrecorder, auf dem ein angepasstes Linux, vermutlich in irgend einer EmbeddedVersion lief und der über einen CAM-Slot verfügte, in den sich handelsübliche Karten für Bezahlfernsehen einschieben ließen. So konnte u. A. Sky empfangen werden, das Entertain der Telekom allerdings noch nicht, man versuche da etwas zu erreichen, versicherte der Skammel-Mann.
Die Bedienung erfolgte über die Fernbedienung und beinhaltete nach meiner flüchtigen Einschätzung keine weißen Flecken. Alle Gerätefunktionen, EPG und Teletext standen zur Verfügung und das Interface reagierte zügig und schien stabil.
Alles in Allem wirkte das ganze alles andere als unfertig und ich konnte mir vorstellen, eine Menge Spaß mit so etwas im Wohnzimmer zu haben wenn… ja wenn da nicht der Preis wäre.
Der Receiver war mit 1500 Euro nicht eben das typische Gadget, das man sich zu Weihnachten schenkte.
Nun, vielleicht waren solche Produkte tatsächlich nicht günstiger herzustellen, bei diesem Kasten hier konnte diese Preiskalkulation durchaus stimmen.
Andererseits hatte ich schon während des halben Gesprächs einen handelsüblichen Reciever für ca. 100 oder 200 Euro vor Augen, auf den das spezielle Skammel-Linux portiert worden war. Ob die Aussage, die handelsüblichen Geräte würden keinesfalls die für die Sprach-Engine und die ganzen anderen Extras notwendige Leistung bringen eine Tatsache oder auch eine Schutzbehauptung war, konnte ich nicht beurteilen.
Dazu fehlte mir das Fachwissen über diese Art Technik.
Ich nahm mir vor einen Skammel-Reciever zu kaufen, sobald ich im Lotto gewonnen hätte, und wir wandten uns zum gehen, verließen das Sheraton, den Flughafen und nahmen unseren Weg zurück in die Stadt, die die Hauptstadt des europäischen Internet war und die auf mich dennoch so wenig anziehend wirkte. Keine Stunde später saß ich in einem ICE mit Ziel Berlin und ich wusste, dass ich jetzt beginnen musste meine Eindrücke aufzuschreiben, für den Bericht den ihr jetzt lest.
Ich war nicht sicher, ob ich einschlafen würde, bevor mein Notebook fertig hochgefahren war. Frankfurt blieb zurück und machte der eintönigen Leere Mittelhessens Platz.
„I’ll cut loose and leave this madhouse . . .
Bound for the Atlantic blue . . .“
„Jemand einen Kaffee?“ Ich riss die Hand hoch …
Ein engel schwebte heran.